LINDA NADJI

 

*1972 in Teheran,

lebt und arbeitet in Köln

 

MEANWHILE, 2021Metall, gold beschichtet, 420 x 650 x 260 cm

 

Die Installation MEANWHILE erhebt sich in vier Meter Höhe in Form zweier feingliedriger Hochsitze auf dem Simultanhallenvorplatz und offeriert Perspektivwechsel auf die Umgebung, die eigene Position und Konstitution. Dabei entfaltet die Arbeit ein komplexes Gefüge, das Aushandlungsfelder von Kommunikation und Isolation sowie Be- und Umwertungsprozessen öffnet. Basis der Arbeit sind zwei in gold gefärbte Metallkonstruktionen, bestehendaus jeweils einer pyramidalen Unterform und einer aufsitzenden Quaderform mit integrierter Sitzbank, die über eine Leiter zugänglich ist. Als architektonische Doppelform korrespondiert die Installation mit dem charakteristischen Sheddach der Simultanhalle und setzt ihre offene Minimalkonstruktion in einen kontrastvollen Dialog mit der geschlossenen Eingangsfront. In ihrer performativen Aktivierung erzeugt die Installation einen krisenbehaftetes Spannungsgefüge aus Autorität und Ohnmacht. Nadjis Arbeit präfiguriert trotz möglicher Begegnung aufAugenhöhe immer ein Ungleichgewicht: das Einnehmen eines erhabenen, erhöhten Sitzesist eng verbunden mit einer autoritären Herrschaftssymbolik (vom häuslichen Hochsitz, überden Richter:innenstuhl und den heiligen Sitz einer Kanzel, hin zum Herrscher:innenthron), die mit dem visuellen Ausstellen einzelner Personen einhergeht, um ihre gesonderte Stellung hervorzuheben. Gerade in der Produktion eines Sichtbarkeitsgefälles – vom Sehen und Gesehen-Werden – setzt MEANWHILE an. Die Installation invertiert die autoritäre Überhöhungsgeste des hohen Sitzes ästhetisch mit der Erfahrung schutzlosen Exponiert- und Ausgeliefertseins und weist damit ihre Doppeldeutigkeit aus. Für sich alleinstehend betrachtet, erinnern die schlanken Konstruktionen an installative Konturen, die die urbane Peripherie einsäumen und je nach Ausrichtung andere Elemente zu Bildinhalten ästhetisieren. Die Konstruktionen sind handelsübliche, in China industriell produzierte Hochsitze, die Linda Nadji in ihrer minimalen Readymade-Form aufgreift und übereine goldfarbene Beschichtung umwertet. Jene Nobilitierungsgeste der Vergoldung sowiedie Entrückung aus dem ursächlichen Funktions- und Bedeutungszusammenhang und Neusituierung im Kunstkontext, wirft einerseits neues Licht auf den Gegenstand als ästhetische Form. Andererseits punktiert der künstlerische Aufwertungsakt gleichsam das persistente Vorurteil China stelle angesichts schnellerer und kostengünstigerer Herstellungsbedingungen weniger wertige Produkte her. Damit adressiert die Installation sowohl Fragen nach globalökonomischen Prozessen und neoliberalen Produktionsbedingungen, als auch Bewertungs- und Abwertungspraktiken.

 

Julia Reich

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