2020 Hannah Semsarha, Leon Jankowiak, Kriz Olbricht, Lisa Oord, Sean Mullan, Anna Schütten, Tanja Kodlin, Simone Curaj

Felix Kindermann

*1978 Köln, lebt und arbeitet in Brüssel

 

GLEICHZEITIGKEITEN,

 

20212-Kanal Soundinstallation (Mikrofone, Kabel, Sockel)

Akustische Übertragung zwischen Museum Ludwig und SimultanhalleKunstspäti mit Performance 

"ChoirPiece"

 

Gleichzeitigkeiten ist eine Kooperation zwischen Simultanhalle – Raum für Zeitgenössische Kunst e.V. und den jungenkunstfreunden der Freunde des Wallraf-Richartz-Museums und des Museum Ludwig e.V.Für seine ArbeitGleichzeitigkeiteninstalliert Felix Kindermann während der Laufzeit der

SimultanProjekte Mikrofone im Treppenhaus des Museum Ludwig. Diese übertragen die Geräusche des Raums und der Menschen im Museum, live in die Simultanhalle. So werden die Menschen im Museum sowie die Architektur des Museum Ludwig und der Simultanhalle Material und Medium der künstlerischen Arbeit. Die Mikrofone und die Wiedergabe des gesendeten Signals sorgen dafür, dass die übertragenen Geräusche die klangliche Realität verzerren und zu einer Textur verschmelzen, die in ihrem Ursprung unbestimmt bleibt. Gleichzeitigkeitenverhandelt als akustisches Experiment die körperliche sowie historische Verbindung beider Räume und stellt Fragen über deren inhärente Beziehung zueinander. In Zeitenkörperlicher Trennung und gesellschaftlicher Verwerfungen hinterfragt Gleichzeitigkeitenunsere menschlichen Beziehungen im Grenzbereich zwischen körperlicher Erfahrung und digitaler Repräsentation. Wie die aktuelle Pandemie deutlich gemacht hat, sind wir als Menschen alles andere als unabhängig, sondern durch unsere Körper, Stimmen und sozialen Strukturen miteinander verbunden. Am 29.07. wird Kindermanns Performance Choir Piece (2019-) im Museum Ludwig aufgeführt, die als akustischer Live-Stream digital in die Simultanhalle übertragen wird und so dieInstallation Gleichzeitigkeiten pointiert aktiviert. Felix Kindermann versteht Choir Piece alseine lebende Skulptur, welche aus einem 16-stimmigen Chor besteht. Sie basiert auf der 2018 von der

New Yorker Komponistin Natalie Dietterich erarbeiteten Composition for Separated Musicians. Dietterichs modulare Komposition ermöglicht es den 16 Sänger*innen, sichunabhängig durch den Ausstellungsraum zu bewegen, sich selbst als gemeinsamen Körperwahrzunehmen, zu reflektieren und endlos zu reformieren. In Choir Piece verfügen alle Sänger*innen über das gleiche modulare kompositorische Material. Sie sind dabei in ihrer Bewegung und der zeitlichen Anordnung der Komposition autonom. So basiert die Kompositionauf einer aleatorischen Gleichzeitigkeit ihrer Bestandteile. Es entsteht ein akustisches Gefüge im Spannungsfeld von Zusammenhalt, Individualität und Distanz, Abhängigkeit und Ei-genständigkeit, dass ausgehend vom Begriff der Skulptur Fragen nach Zugehörigkeit undIdentität in einer gegenwärtig zunehmend fragmentierten Gesellschaft stellt.

Die in der Komposition angelegte produktive Gleichzeitigkeit wird durch die Live-Übertragung auch auf die Ebene der Rezeption überführt. Durch dieses Moment der simultanen Übertragung vom einen in den anderen Raum, eröffnet sich für die Besucher*innen erstmalsdas Dilemma zweier Möglichkeiten. Sie können die Arbeit live als Performance im MuseumLudwig oder hingegen als Klanginstallation an der Simultanhalle erleben. Gleichzeitigkeitenverweist auf den jeweils anderen Ort, da es den Rezipient*innen niemals möglich ist, die ge-samte Arbeit in beiden Gebäuden zugleich wahrzunehmen. Als Betrachter*innen der Mikrofone tragen die Besucher*innen im Museum durch ihre akustische Präsenz im Raum unweigerlich zur Klangübertragung bei. Oder aber sie werden zu Beobachter*innen eines akusti-schen Raums im Raum, wenn sie den Klang des Museum Ludwig in der Simultanhalle

hören. Da die sanierungsbedürftige Simultanhalle wegen Einsturzgefahr geschlossen ist, belebt der Gesang auf den Lautsprechern den Innenraum der Simultanhalle, während er für die Besucher*innen über die dünnen Wände als Membran nach Außen transportiert wird und damitdie gleichzeitige, jedoch entgegengesetzte Entwicklung beider Orte aufgreift. Die 1979 im Kölner Vorort Volkhoven/Weiler errichtete Simultanhalle diente bis 1984 als ar-chitektonischer Vorentwurf und Testraum während des Museumsbaus im Kölner Zentrum. Somit wurden Erfahrungen und Erkenntnisse am Modell unmittelbar auf die Architektur des Museums übertragen. Mit der Fertigstellung des Museums entwickelten sich die beiden Räume in entgegengesetzte Richtungen: Während das Museum Ludwig zu einem der

bedeutendsten Kunstmuseen in Europa avancierte, entwickelte sich die heute baufällige Simultanhalle zu einem autonomen Off-Space in der Peripherie, der stets eine Perspektive von außen auf den Kunstbetrieb setzte. Mit der Arbeit Gleichzeitigkeit werden die beiden Räumeunmittelbar miteinander verbunden und treten als Komplex erneut in eine Beziehung zueinander, wobei das Museum selbst durch die Übertragung zum Objekt der Rezeption an derSimultanhalle wird.

 

Leon Jankowiak, Lisa Oord

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